Die Geschichte des TSV 1860 München der letzten fünfzig Jahre liest sich wie ein Drama in mehreren Akten, das 2026 zu einem Schlussakt zu kommen scheint. Es ist die epische Erzählung eines Traditionsvereins, der weniger durch sportliche Erfolge als vielmehr durch wirtschaftliche Fehlentscheidungen, Machtkämpfe und personelle Irrwege für Aufsehen im deutschen Profifußball sorgte. Betrachtet man die Ereignisse von 1982 bis heute, so ist durchaus ein roter – oder besser: blauer – Faden erkennbar.
Der erste große Einschnitt erfolgte im Sommer 1982 unter Präsident Dr. Erich Riedl, als der TSV 1860 München als erster Verein im deutschen Profifußball aus wirtschaftlichen Gründen die Lizenz des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) verlor. Die Löwen mussten zwangsweise in die Bayernliga absteigen. Es war ein historischer Vorgang, auf den der Verein gerne verzichtet hätte. Nach dem Lizenzentzug trat Riedl zurück. Es folgten neun Jahre Provinzfußball. Doch die Löwen kämpften sich zurück. 1991 gelang die Rückkehr in den Profifußball und wenig später sogar der direkte Durchmarsch in die Bundesliga. Wieder schrieb der Verein Geschichte – diesmal eine positive.
Die Aufbruchsstimmung der neunziger Jahre mündete jedoch in eine Entscheidung, die die Zukunft des Vereins nachhaltig prägen sollte. Unter Präsident Karl-Heinz Wildmoser senior und Geschäftsführer Karl-Heinz „Heinzi” Wildmoser junior beteiligte sich der TSV 1860 München im Jahr 2001 gemeinsam mit dem FC Bayern München am Bau der Allianz Arena. Schon damals warnten vereinsinterne Kritiker vor den finanziellen Risiken eines solchen Projekts für einen Verein mit deutlich geringeren wirtschaftlichen Möglichkeiten als der große Stadtrivale.
Doch die Warnungen verhallten. Die Wildmosers führten den Verein mit großer Autorität und wenig Widerspruch wie ein Familienunternehmen. Kritische Stimmen wurden rabiat ruhiggestellt. Gleichzeitig verbreitete Karl-Heinz Wildmoser senior öffentlich Optimismus. Die Arena werde sich nahezu von selbst finanzieren, erklärte er. Selbst ein möglicher Abstieg des TSV 1860 sei durch eine Versicherung abgedeckt. Die Realität sollte sich jedoch als deutlich nüchterner erweisen.
Während die konkrete Planung der Allianz Arena im Jahr 2001 begann und im Jahr 2002 die Grundsteinlegung erfolgte, traf der Verein eine weitere folgenreiche Entscheidung. Im selben Jahr wurde die Profifußball-Abteilung in die neu gegründete TSV München von 1860 GmbH & Co. KGaA ausgegliedert. Dabei gingen die Markenrechte am traditionsreichen Löwen-Wappen sowie der Erbpachtvertrag mit der Stadt München auf die Kapitalgesellschaft über. Der Mutterverein behielt lediglich Nutzungsrechte. Was damals als erforderliche Modernisierung verkauft wurde, beschäftigt den Verein bis heute.
Am 9. März 2004 standen dann Ermittler und Staatsanwaltschaft mit Haftbefehlen für die Wildmosers vor der Geschäftsstelle in der Grünwalder Straße 114 und durchsuchten die Räume. Die Razzia gegen Karl-Heinz Wildmoser senior und seinen Sohn erschütterte den Verein. Im Zusammenhang mit einem Schmiergeldskandal um die Bauvergabe der Allianz Arena wurden Bestechlichkeit und Untreue zum Gegenstand strafrechtlicher Ermittlungen. Während der Vater rasch wieder freikam, blieb „Heinzi” Wildmoser bis zum Prozess in Untersuchungshaft. Er nahm alle Schuld auf sich. 2005 verurteilte ihn das Landgericht München I zu viereinhalb Jahren Haft. Der Bundesgerichtshof bestätigte das Urteil im Jahr 2006 rechtskräftig. Die Ära der Wildmosers war vorrüber.
Fast symbolisch wirkte es, dass der TSV 1860 München ausgerechnet im Jahr 2004 aus der Bundesliga abstieg, noch bevor die neue Allianz Arena überhaupt eröffnet wurde. Die Spielstätte, die den Verein in eine erfolgreiche Zukunft führen sollte, entwickelte sich stattdessen zu einem wirtschaftlichen Albtraum. Im April 2006 musste der TSV 1860 seinen 50-prozentigen Anteil an der Allianz Arena für elf Millionen Euro an den FC Bayern München verkaufen. Die Alternative wäre die Zahlungsunfähigkeit gewesen. Zwar wurde eine Rückkaufoption vereinbart, doch diese hätte rund 30 Millionen Euro gekostet. Im November 2007 erklärte die Geschäftsführung des TSV 1860 offiziell den Verzicht auf diese Möglichkeit. Damit gehörte die Allianz Arena vollständig dem FC Bayern München, während die Löwen nur noch Mieter waren. In dieser Phase spielte der Manager Stefan Ziffzer eine zentrale Rolle. Als Finanzgeschäftsführer organisierte er sowohl den Verkauf der Arena-Anteile als auch später den Verzicht auf das Rückkaufsrecht. Die finanzielle Lage stabilisierte sich dennoch nicht nachhaltig. Die Mietzahlungen für die Allianz Arena belasteten den Verein weiterhin erheblich.
Im Jahr 2011 folgte deshalb der nächste historische Schritt. Unter dem Präsidium von Dieter Schneider und seinem Vize Franz Maget unterschrieb der TSV 1860 München einen Kooperationsvertrag mit dem jordanischstämmigen Unternehmer Hasan Ismaik und seiner Gesellschaft HAM International. Die TSV München von 1860 GmbH & Co. KGaA erhielt frisches Kapital und wurde damit der erste Klub im deutschen Profifußball mit einem arabischen Großinvestor. Doch schon kurz nach dem Einstieg begannen die Konflikte. Hasan Ismaik versuchte, die volle Kontrolle über den Klub zu erlangen. Dieter Schneider wurde von ihm als „alter Mann” und „Autoverkäufer” verspottet. Dessen Nachfolger Gerhard Mayrhofer versuchte, den Schulterschluss mit dem Investor zu erreichen, scheiterte jedoch. Lediglich Präsident Peter Cassalette gelang es zeitweise, das Vertrauen Ismaiks zu gewinnen. Der Preis dafür war hoch: Der Investor erhielt weitreichenden Einfluss. Am Ende von Cassalettes Amtszeit standen eine Rekordverschuldung und der sportliche Absturz.
2017 erreichte die Krise ihren vorläufigen Höhepunkt. Nach dem Abstieg aus der 2. Bundesliga verweigerte Ismaik die für die 3. Liga notwendigen finanziellen Mittel. Der TSV 1860 musste daraufhin in die Regionalliga Bayern absteigen. Cassalette trat zurück und auch der von Ismaik verpflichtete Geschäftsführer Ian Ayre, ein früherer Manager des FC Liverpool, verließ den Klub fluchtartig. In dieser Situation übernahm Robert Reisinger die Präsidentschaft. Der frühere Fußballabteilungsleiter verfolgte einen anderen Kurs. Er beschränkte die Zusammenarbeit mit Ismaik auf das Notwendigste, leitete den Auszug aus der Allianz Arena ein und organisierte die Rückkehr ins Grünwalder Stadion. Gleichzeitig stellte er sich gegen Ismaiks Angriff auf die 50+1-Regel. Als der Investor am 30. Juni 2017 Beschwerde beim Bundeskartellamt einlegte, hielt der Verein dagegen.
Unter Reisinger gelang im Jahr 2018 die Rückkehr in die 3. Liga. Dennoch blieb der Grundkonflikt bestehen. Immer wieder gelang es den Vertretern des Investors, sportlich Verantwortliche der Profifußballgesellschaft mit der Aussicht auf zusätzliche finanzielle Mittel auf ihre Seite zu ziehen. Eine von Reisinger angestrebte Restrukturierung der TSV München von 1860 GmbH & Co. KGaA erwies sich als unlösbare Sisyphusarbeit. Die Öffentlichkeit verfolgte die Auseinandersetzungen meist in Form spektakulärer Schlagzeilen, während die eigentlichen Ursachen tiefer lagen: in einer Partnerschaft, die nie auf Kooperation beruhte – Ismaik wollte die Alleinherrschaft oder gar nichts.
Als Reisingers Amtszeit im Sommer 2025 endete, schien sich überraschend auch das Kapitel Ismaik zu schließen. Der Investor kündigte den Verkauf seiner Anteile an. Doch die Hoffnung des Vereins erwies sich als trügerisch. Der geplante Verkauf scheiterte und die Hängepartie ging weiter. Nun könnte ausgerechnet die jüngste Krise den Schlusspunkt setzen. Erneut verweigerte Hasan Ismaik dem TSV 1860 München die vertraglich vorgesehenen Finanzmittel für den Profifußball. Wie bereits 2017 folgt zum zweiten Mal der Absturz in die Regionalliga. Diesmal reagierte der Mutterverein unter Präsident Gernot Mang mit der Kündigung des Kooperationsvertrags.
Sollte es tatsächlich zur Trennung von Hasan Ismaik kommen, ergibt sich für die Löwen die seltene Möglichkeit, die Lehren aus einem halben Jahrhundert zu ziehen. Der TSV 1860 München hat in den vergangenen fünfzig Jahren einige Geschichten im deutschen Profifußball geschrieben. Manche davon waren glanzvoll, viele aber auch schmerzhaft für die Anhänger. Gelingt es den Löwen nun, sich von den Altlasten vergangener Jahrzehnte zu lösen, könnte erstmals seit langer Zeit eine völlig neue Erzählung beginnen. Eine, die nicht von Skandalen, Rettungsaktionen und Machtkämpfen berichtet, sondern von einem nachhaltigen Aufbau. Für einen Verein, der so oft an sich selbst gescheitert ist, wäre das vielleicht die größte historische Leistung überhaupt. (as)